Jedes Jahr unternimmt unsere Schule im Rahmen einer AG, die sich mit den jüdischen Opfern des Zweiten Weltkriegs beschäftigt, eine Studienfahrt nach Polen. Neben der Auseinandersetzung mit der Geschichte steht dabei auch die Frage nach dem Erinnern im Mittelpunkt. In der Nacht des 14. Dezember starteten wir unsere Fahrt und kamen am 15. Dezember in Oswiecim an. Nach dem Bezug der Zimmer erhielten wir zunächst eine Einführung in die Geschichte und pädagogische Arbeit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS). Anschließend folgte eine Stadtführung, die die jüdische Geschichte der Stadt und Region Oswiecim vor dem Zweiten Weltkrieg thematisierte. Am nächsten Tag besuchten wir das Gedenkmuseum für die Einwohner der Region Oświęcim. Die Dauerausstellung ehrt den heldenhaften Einsatz der Einwohner, die unter Lebensgefahr Gefangenen des deutschen nationalsozialistischen Konzentrationslagers Auschwitz Hilfe leisteten. Der Besuch dieses Museums war erstmals Teil unserer Studienfahrt und bot eine besondere Perspektive auf die Region: "Das weckte das Interesse der Kinder an Widerstand und Hilfe während
der Zeit." Am 17. Dezember standen die Besuche der Gedenkstätten Auschwitz I (Stammlager) und Auschwitz II (Birkenau)auf dem Programm. Im Vorfeld hatten wir ausführlich über Erwartungen, Sorgen und Ängste gesprochen, doch allen wurde schnell klar: Egal wie viel man darüber liest oder
spricht, man kann nicht wirklich auf das vorbereitet sein, was man sieht. Die Gewalt und das Leid, das den Gefangenen in Auschwitz angetan wurde, lässt sich kaum in Worte fassen. Die Schüler:innen waren sehr betroffen. Zitate aus der Fahrt:
• „Die Wörter um die brutale Grausamkeit der Lager zu beschreiben existieren nicht und das werden sie nie.“
• „Auschwitz ist etwas, das man weder in Texten, Bildern oder Dokumentationen zu seiner vollsten Grausamkeit beschreiben kann.“
Am Donnerstag, den 18. Dezember, machten wir uns auf den Weg nach Krakau. Dort besuchten wir das Galizische Museum, das dem Gedenken an die Opfer des Holocaust gewidmet ist und die jüdische Kultur der polnischen Region Galizien präsentiert. Das Museum verfolgt das Ziel, Stereotype und Missverständnisse über die jüdische Vergangenheit in Polen zu hinterfragen und sowohl Polen als auch Jüdinnen und Juden über ihre eigene Geschichte aufzuklären, während es zugleich zum Nachdenken über die Zukunft anregt. Ein Höhepunkt der Fahrt war das Zeitzeugengespräch mit Frau Anna Janowska Cioncka (geboren am 5. Mai 1936 in Kraków). Unter dem Titel „Verletzter Baum“ berichtete sie von ihrer Kindheit während des Zweiten Weltkriegs. Eine Person mit diesem Schicksal persönlich zu treffen und aus erster Hand von den erlebten Grausamkeiten zu hören, war besonders bedrückend. Im Anschluss hatten die Schüler:innen die Möglichkeit, Frau Janowska Cioncka Fragen zu stellen.Den Abschluss der Studienfahrt bildete eine Stadtführung durch Krakau. Wir besuchten das jüdische Viertel Kazimierz, die Remuh-Synagoge und den jüdischen Friedhof. Auch die Burg von Krakau und ein Zwischenstopp beim sagenumwobenen Drachen Wawel standen auf dem Programm.
Trotz der bedrückenden Themen blieb auch Raum für Gemeinschaft und Entspannung. Die Schüler:innen nutzten die Zeit beim Karten spielen oder Tischtennis, um zwischendurch auf andere Gedanken zu kommen.
Reflexion der Schüler:innen nach der Fahrt:
• „Mir ist bewusst geworden, wie grausam Menschen sein können.“
• „Das, was in Auschwitz geschehen ist, war nicht mehr menschlich.“
• „Jeder Mensch ist wertvoll, unabhängig von Religion oder Herkunft. Jeder verdient ein Leben in Frieden.“
• „In Auschwitz zu sein war sehr bedrückend, da man ständig daran denken musste, wie viel Leid die Menschen dort ertragen haben. Dieser Ort hat mir klar gemacht, wie wichtig Menschlichkeit, Respekt und Verantwortung sind, damit sich so etwas nicht wiederholt.“
• „Man muss es mit eigenen Augen gesehen haben, damit man sich das wahre Ausmaß an Verbrechen vorstellen kann. Selbst nach dem Besuch der Gaskammern, der Räume voller menschlicher Haare und der Erinnerungsplätze ist es kaum vorstellbar.“
• „Auschwitz und Auschwitz II Birkenau machen einen traurig und sprachlos, weil sie zeigen, wie viel Leid Menschen anderen Menschen antun können. Sie erinnern uns daran, mit Herz, Respekt und Verantwortung füreinander zu leben, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht.“
Offene Fragen, die sich aus der Fahrt ergaben und die möglicherweise Grundlage weiterer Arbeit in der AG sein können, waren unter anderem:
• Warum konnten solche Lager entstehen?
• Haben es andere Länder tatsächlich nicht gewusst?
• Wie konnten Komitees des Internationalen Roten Kreuzes getäuscht werden?
Die Studienfahrt hat eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig Erinnerung, Aufklärung und die persönliche Auseinandersetzung mit Geschichte sind. Sie war für alle Beteiligten eine intensive und prägende Erfahrung.
Text und Fotos: BetJ





